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Im Doppelinterview blicken Kerstin Andreae vom BDEW und Ingbert Liebing vom VKU auf 20 Jahre Energiewirtschaft zurück.
Im Doppelinterview blicken Kerstin Andreae vom BDEW und Ingbert Liebing vom VKU auf 20 Jahre Energiewirtschaft zurück.

Interview: "Niemand trauert der alten Welt nach"

Berlin (energate) - Am 13. Februar 2001 ging energate als Informationsdienstleister für die Energiewirtschaft an den Start. Seitdem hat sich der Energiemarkt drastisch verändert - von der Liberalisierung, über die Energiewende bis zur Digitalisierung. Über diese Entwicklungen, Herausforderungen für die Unternehmen und welche Lehren Politik und Energiewirtschaft aus der Vergangenheit ziehen, sprach energate im Doppelinterview mit Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung, und Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des VKU.

energate: Frau Andreae, Herr Liebing, energate feiert in diesen Tagen 20-jähriges Bestehen. Was haben Sie vor 20 Jahren gemacht?

Andreae: Da war mein erster Sohn gerade ein Jahr alt und hielt mich ordentlich auf Trab. Nebenbei saß ich im Gemeinderat der Stadt Freiburg und habe für einen Windprojektierer gearbeitet. Es war auch die Zeit, in der ich darüber nachgedacht habe, bei der Bundestagswahl 2002 zu kandidieren.

energate: Wie sah bei Ihnen das Jahr 2001 aus, Herr Liebing?

Liebing: Ich war auch junger Vater, meine Töchter waren drei und ein halbes Jahr alt, und ich war damals Bürgermeister von Sylt.

Andreae: Es gibt schlimmere Arbeitsplätze (lacht)….

Liebing: (lacht ebenfalls) ... das höre ich oft und ja - es ist schön dort auf der Insel. Und es war eine gute Lehrzeit für mich. Mit Energiepolitik hatte ich dort schon intensiv zu tun. Ich hatte damals den Plan, ein neues Gewerbegebiet über ein Biomasseheizwerk zu versorgen. Damals gab es dafür leider keine politische Mehrheit. Heute würde man das bestimmt machen.

energate: Im Gegensatz zu energate, haben Sie sich beide in den vergangenen 20 Jahren nicht ausschließlich dem Energiemarkt gewidmet. Dennoch die Frage: Welche Entwicklung im Energiemarkt hat Sie zurückblickend am meisten überrascht?

Liebing: Mir fällt mein erster Bundestagswahlkampf 2005 ein. Damals diskutierten wir, ob erneuerbare Energien irgendwann Anteile beim Strom von mehr als zehn oder zwölf Prozent erreichen können. Niemand hätte geglaubt, dass wir 2021 fast 50 Prozent haben. Es gab aber auch Kurskorrekturen. Vor 20 Jahren wurde im Zuge des Atomausstieges der Bau von modernen Steinkohlekraftwerken ausdrücklich befürwortet, nun werden diese Anlagen wieder abgeschaltet. Für uns folgt daraus, dass wir in Zukunft mehr Planungssicherheit und Verlässlichkeit brauchen.

energate: Frau Andreae, was war Ihr energiepolitisches Highlight der vergangenen Jahre?

Andreae: Südbaden, wo ich herkomme, sieht sich als Wiege der Anti-AKW-Bewegung, insofern war für mich der Atomausstieg schon fundamental. Wenn wir auf die Energiewirtschaft insgesamt blicken, stelle ich fest, dass aus dem Getriebenen ein Treiber geworden ist. Lange war die Branche reaktiv, stand auf fossilem Fundament. Die Politik und die Gesellschaft forderten einen Wandel. Diese Transformation hat die Branche komplett verinnerlicht. Der alten Welt wird nicht nachgetrauert.

energate: Herr Liebing hat auf die Prognosen beim Erneuerbarenausbau verwiesen, die allesamt daneben lagen. Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus für künftige Zielsetzungen?

Andreae: Der Blick in die Vergangenheit hilft, um aus Fehlern zu lernen. Die Entwicklung von disruptiven Technologien lässt sich nicht abschätzen. Deswegen sollten wir uns jetzt beispielsweise beim Thema Wasserstoff im Denken nicht wieder so begrenzen, wie wir das bei den Erneuerbaren getan haben. Die Champagner-Diskussion ist aus meiner Sicht ein Fehler. Wir sollten den Mut haben, die Unternehmen arbeiten zu lassen. Beschränkungen werden uns nicht den nötigen Weg eröffnen.

energate: Herr Liebing, Sie haben auf die Kohlekraftwerke verwiesen, die einst politisch gewollt und nun wieder abgeschaltet werden. Hinterlässt das Spuren bei den Unternehmen, die weiter in die Energiewende investieren sollen und wollen?

Liebing: Diese Sorge treibt mich schon um. Durch den Kohle- und Atomausstieg brauchen wir absehbar und mittelfristig neue gesicherte Leistung - etwa aus Gaskraftwerken. Wenn die Energiewirtschaft in deren Aufbau investieren soll, brauchen wir verlässliche Rahmenbedingungen und ein funktionierendes Marktdesign, das notwendige Investitionen anreizt. Das ist eine Baustelle, die die Politik zügig lösen muss.

energate: Das Ziel der Klimaneutralität ist gesetzt. Braucht es dafür einen Etappenplan, damit die Unternehmen wissen, woran sie sind?

Liebing: Eine ganze starre Festlegung ist wohl nicht der richtige Weg. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre widersprechen diesem Ansatz, weil die technische Entwicklung oft schneller ist als die politische. Vielmehr brauchen wir klare Ziele in Verbindung mit flexiblen, aber auch zuverlässigen Rahmenbedingungen. Entwicklungen wie beim KWK-Gesetz, das erst beschlossen und dann mit Verweis auf die EU wenige Monate später wieder zurückgezogen wird, darf es nicht mehr geben.

Andreae: Was wir in jedem Fall brauchen, ist ein realistischer Blick auf die Nachfragentwicklung beim Strom. Aus der Sektorkopplung und den Klimazielen der EU leitet sich folgerichtig eine höhere Stromnachfrage und daraus wiederum ein erhöhter Ausbaubedarf bei den Erneuerbaren ab. Außerdem müssen wir dringend über die Bedeutung unserer Netzinfrastruktur im Rahmen der dezentral verlaufenden Energiewende reden. Deren Rückgrat sind die Netze.

Liebing: Da stimmen wir voll überein. Das gilt für die Stromnetze und genauso für die Gasnetze, gerade wenn wir hierzulande eine Wasserstoffwirtschaft etablieren wollen. Die Infrastruktur ist das A und O der Energiewende. In der Vergangenheit standen bei der Politik vor allem die großen Stromautobahnen im Fokus. 95 Prozent der Erneuerbare-Energien-Anlagen werden aber in die Stromverteilnetze angebunden. Deshalb wünschen wir uns für diese deutlich mehr Aufmerksamkeit und stabile Investitionsbedingungen.

energate: Die Bundesnetzagentur legt in diesem Jahr die Höhe der Eigenkapitalsätze für die nächste Regulierungsperiode fest. Welche Forderung haben Sie?

Liebing: Wir erwarten keinen Anstieg, aber der Eigenkapitalzins darf nicht noch weiter absinken. Denn das würde die Finanzierungskraft für die Investitionen in den Ausbau und digitalen Umbau der Verteilnetze nachhaltig gefährden.

Andreae: BDEW, VKU, die kommunalen Spitzenverbände und ver.di treten hier mit einer Stimme auf. Wenn wir die Netze für den weiteren Fortgang der Energiewende ertüchtigen wollen, brauchen wir vernünftige Investitionsbedingungen. An dieser Stelle sorgt mich die Äußerung des Generalanwalts am Europäischen Gerichtshof zur Bundesnetzagentur. Es wäre ein schlechtes Signal, wenn Regierung und Parlamente bei wichtigen energiepolitischen Weichenstellungen künftig kaum noch Mitsprachemöglichkeit hätten.

energate: Der Einfluss der EU auf die Energiepolitik hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Der Startschuss erfolgte vor mehr als 20 Jahren mit der Liberalisierung der Energiemärkte. Wo stehen wir da heute?

Liebing: Für die gesamte Energiewirtschaft war die Liberalisierung eine große Herausforderung, die sie aber verinnerlicht hat. Wir wollen Wettbewerb, zu fairen Bedingungen. Aktuell sehen wir aber die Gefahr, dass einzelne Konzerne eine marktbeherrschende Stellung einnehmen, wie bei Eon und RWE. Wir müssen aufpassen, dass das Erreichte bei der Liberalisierung erhalten bleibt. Im europäischen Vergleich sehen wir außerdem die Entwicklung der Endkundenpreise in Deutschland mit Sorge. Sie sind wegen der vielen Abgaben und Umlagen zu hoch, das ist auch ein Hemmnis für den Binnenmarkt. Wir müssen daher das System reformieren.

energate: Das ferne Ziel ist ja eine Energieunion, wie weit sind wir hier?

Andreae: Im Binnenmarkt haben wir schon eine beeindruckende Entwicklung, am Anfang ging es vor allem um Markt und Wettbewerb, jetzt um die Dekarbonisierung. Dafür brauchen wir die europäische Kooperation. Das sehen wir beispielsweise bei den Themen Wasserstoff und Offshore-Windkraft. Das sind Strategien, bei denen wir auf nationaler Ebene schnell an unsere Grenzen stoßen.

energate: Die Herausforderungen im Energiemarkt werden immer komplexer. In der Folge war immer mal wieder von der Gefahr des Stadtwerkesterbens die Rede. Ist das ein Kapitel der Vergangenheit?

Liebing: Heute ist klar: Dieses sogenannte Stadtwerkesterben hat es nie gegeben. Im Gegenteil: Wir sehen eine Renaissance der Stadtwerke und das ist auch folgerichtig. Denn die Dezentralität der Energiewende bietet große Chancen für die kommunalen Unternehmen. Sie haben die Orts- und Kundennähe. Sie haben eine lokale Verbindung und halten die Wertschöpfung vor Ort. Davon profitiert die gesamte Bevölkerung, unsere Daseinsvorsorge dient dem Gemeinwohl.  Deshalb bin ich sehr zuversichtlich, was die Zukunft der Stadtwerke angeht.

energate: Viele spannende Energiejahre liegen hinter uns. Das Jahr 2021 hat auch einiges zu bieten, so etwa die Bundestagswahl im Herbst. Frau Andreae, wie beurteilen sie die Arbeit der noch amtierenden Großen Koalition aus energiepolitischer Sicht?

Andreae: Die aktuelle Regierung hat einige Meilensteine gesetzt, allem voran der Beschluss zum Kohleausstieg. Dazu kommt die CO2-Bepreisung, der Rückgang der CO2-Emissionen und der an Fahrt gewinnende Hochlauf der Elektromobilität, wofür die Regierung viel Geld in die Hand nimmt. Aber es ist auch einiges liegen geblieben. Wir müssen den Ausbau der erneuerbaren Energien deutlich beschleunigen und die Ausbaupfade anheben. Ein weiteres dringendes Thema ist die Reform der Strompreisbestandteile. Wenn grüner Strom nicht günstiger wird, kommt auch die Sektorkopplung nicht voran. Und es muss allen klar sein: Der Umbau des Energiesystems geht nicht ohne Gas. Wir brauchen zum Beispiel neue gasbasierte Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, dafür müssen die Rahmenbedingungen verbessert werden.

energate: Herr Liebing, was erwarten Sie von der nächsten Regierung?

Liebing: Ich sehe es genauso, dass viele wichtige Weichen gestellt sind: der Kohleausstieg, die CO2-Bepreisung, die Entwicklung einer Wasserstoffstrategie. Vieles ist aber auch offengeblieben. Etwa eine realistische Prognose des Strombedarfs für die kommenden Jahre. Den absehbaren Mehrbedarf durch Sektorkopplung, E-Mobilität und Digitalisierung sehe ich in den Regierungsprognosen nicht richtig abgebildet. Und daraus leitet sich dann auch ein Mehrbedarf für den Erneuerbarenausbau ab.

energate: Was auffällt: Sie sind sich in vielen Punkten sehr einig. In der Vergangenheit gab es schonmal Gespräche über eine mögliche Fusion von BDEW und VKU. Hören wir davon wieder?

Andreae: In den vielen Gesprächen, die ich mit unseren Mitgliedsunternehmen führe, ist das nie Thema. Ich sehe die Aufgabenfelder der Mitglieder von BDEW und VKU auch nicht deckungsgleich.  

Liebing: Diese Diskussion wurde vor einigen Jahren geführt und es wurde entschieden, dass eine Fusion nicht der richtige Ansatz ist. Daran hat sich aus meiner Sicht nichts geändert. Denn: diese Frage ist mir seit dem Start beim VKU noch nie begegnet. Sie sind die ersten, die sie überhaupt aufwerfen.

Das Interview führten Christian Seelos und Karsten Wiedemann.

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