Logo 20 Jahre energate
Yello war eines der ersten Unternehmen, das den Vertrieb im Energiemarkt aufmischte.
Yello war eines der ersten Unternehmen, das den Vertrieb im Energiemarkt aufmischte.

Rückblick: Die zähen Anfänge der Energiemarktliberalisierung

Essen (energate) - Am 13. Februar 2021 feiert energate sein 20-jähriges Bestehen als Informationsdienstleister für die Energiebranche. Wir nehmen dieses Jubiläum zum Anlass, um auf die Highlights der Fortentwicklung des Energiemarktes zurückzublicken. Den Anfang macht Michaela Tix, sie blickt zurück auf die Anfänge der Energiemarktliberalisierung, die sich vor allem im Gasbereich als äußerst zäh darstellte.

Ein Blick in die Vergleichsportale Verivox, Check 24 und Co. zeigt die Qual der Wahl: Heute können Wechselwillige sich durch hunderte Angebote für ihren Strom- und Gasverbrauch klicken. Vorausgesetzt sie verlieren nicht nach der dritten Internetseite die Geduld. Neben Energieversorgern tummeln sich dort auch viele branchenfremde Player: Autobauer, Solaranlagen- und Heizungshersteller oder Telekommunikationsunternehmen, von denen einige wie beispielsweise Teldafax oder Flexstrom spektakulär in die Insolvenz gingen.
 

Gefangen im Monopol


Noch vor 20 Jahren hatte jeder Haushaltskunde glücklich zu sein mit der "Wahl" seines örtlichen Stadtwerks. Wobei "Kunde" ist eigentlich nicht der richtige Begriff, "Abnehmer" traf es besser - trotz der offiziell im Jahr 1998 gestarteten Liberalisierung. Die zwei damaligen Pioniere im Strommarkt hießen Yello und Lichtblick. Unter dem Slogan "Strom ist gelb" finanzierte der EnBW-Konzern für seine Tochter Yello teure Werbekampagnen. Eine der ersten energate-Meldungen notierte das Ergebnis: "600.000 Haushalte und damit Platz Nummer eins unter den Newcomern im Strommarkt". Sowohl Yello als auch das Hamburger Unternehmen Lichtblick mussten sich ihren Stromnetzzugang hart erkämpfen und waren Dauergast bei Kanzleien und Landgerichten. Im Mai 2001 konnte sich Yello beispielsweise über ein richtungsweisendes Urteil des Landgerichts Düsseldorf freuen. Die Düsseldorfer Stadtwerke wurden dazu verurteilt, Yello Strom die zu Unrecht erhobenen Wechselgebühren in Höhe von 49.300 Mark zu erstatten (energate berichtete).

Ebenfalls im Mai 2001 kündigte der damalige Bundeswirtschaftsminister Werner Müller (parteilos) die Öffnung des Gasmarktes an. "Der private Verbraucher kann sich nach meinem Plan vom 1. Januar 2002 an seinen Anbieter selber suchen", betonte Müller in einem Interview. Der Plan sollte allerdings nicht aufgehen. Im Gegensatz zum Strommarkt zeigten sich im Gasmarkt noch lange Jahre keine neuen Wettbewerber - zu kompliziert war die Gemengelage von langfristigen Lieferverträgen und abgeschotteten Gasmarktgebieten. Erst ab 2005 wurde der Bundesnetzagentur die Aufsicht über die Gasnetze übertragen und der Markt kam allmählich in Schwung.
 

Kein Aprilscherz: Die komplizierte "Beistellung"


Im Februar 2006 kam es dann zur überraschenden Wende: Das Bundeskartellamt kündigte an, dass private Gaskunden ab dem 1. April ihren Gasversorger frei wählen dürfen. Vorausgegangen war eine Einigung mit sieben Gasnetzbetreibern, darunter Eon, RWE, Entega und ein Eigenbetrieb der Thüga, die einen Lieferantenwechsel über den komplizierten Weg einer Beistellung zusagten. Allerdings: Eine damalige energate-Recherche zeigte kaum Vertragsabschlüsse, sodass Verbände der Netznutzer und Energieverbraucher über einen schlechten "Aprilscherz" wetterten.  

Sechs Monate später kam mit dem offiziellen Start des Entry-Exit-Systems am 1. Oktober 2006 endlich Bewegung in den Markt. Der hessische Versorger Mainova kündigte medienwirksam an, im nordrhein-westfälischen Bonn mit seinem Produkt "Novagas" auf Kundenfang zu gehen. Sogar der damalige Vizepräsident der Bundesnetzagentur, Martin Cronenberg, lobte das Angebot, auch wenn er die mögliche Ersparnis von 45 Euro im Vergleich zu den Stadtwerken Bonn als "nicht gerade umwerfend" bezeichnete (energate berichtete). Zur Einordnung: Heutzutage unterbieten sich Wettbewerber mit Sofort- und Neukundenboni von über 200 Euro für das erste Lieferjahr. Bleibt der Kunde, Glück gehabt, falls nicht: teures Pech, das bereits einige Versorger den Wechselportalen den Rücken kehren ließ.
 

Erst 2007 nimmt der Gaswettbewerb Fahrt auf


Ein denkwürdiger Einschnitt ereignete sich im Februar 2007. Unter der Marke "E wie Einfach" kündigte Eon einen "Angriff" auf die Stadtwerke an, so wurde es zumindest bei vielen Kommunalversorgern mehr als pikiert wahrgenommen. Der sogenannte "MeinCentTarif" sollte beim Strom immer ein Cent pro kWh, bei Gas zwei Cent pro Kubikmeter unter dem Grundversorgungstarif der jeweils örtlichen Stadtwerke liegen. Geschäftsführerin Marie-Luise Wollf (heute Entega-Vorstandschefin) lud nach Köln zur Pressekonferenz ein und stellte schlanke Strukturen und "experimentelle Vertriebsansätze in Aussicht" (energate berichtete). E-wie-einfach ist heute neben der neuen Schwester Eprimo, die Eon vom Exrivalen RWE übernahm, immer noch eine der größten Discountermarken in Deutschland. Das Unterbieten der Grundversorgungstarife gab das Kölner Unternehmen aber schon bald auf und wechselte in eine normale Tarifstruktur.
 

2020: Noch immer wechselmüde


Trotz oftmals deutlicher Preisvorteile bleiben die Deutschen auch mehr als 20 Jahre nach dem Start der Liberalisierung wechselmüde. Laut dem kürzlich veröffentlichen Monitoringbericht der Bundesnetzagentur sind noch immer 26 Prozent aller Stromhaushaltskunden in der klassischen Grundversorgung. Weitere 40 Prozent sind ebenfalls beim Grundversorger, wenn auch in einem Sondertarif. Somit bleibt nur ein Drittel des Kuchens für fremde Lieferanten übrig. In den vergangenen Jahren wechselten pro Jahr zwischen 4 und 4,5 Mio. Haushalte ihren Stromversorger. Beim Erdgas sind die Zahlen vergleichbar. Zwar haben sich mehr Kunden aus der Grundversorgung verabschiedet, sind aber dennoch dem örtlichen Stadtwerk in einem Sondertarif treu geblieben (49 %). Ebenfalls nur ein Drittel lässt sich durch einen Fremdanbieter beliefern.

Die Energiepreise liegen trotz Liberalisierung übrigens deutlich höher als noch vor 20 Jahren - vor allem getrieben von EEG-Umlage, Netzentgelten sowie Steuern und Abgaben. Beim Gas bezifferte die Bundesnetzagentur den mengengewichteten Preis für Haushaltskunden über alle Kategorien zuletzt auf 6,31 Cent/kWh (Grundversorgung: 6,99 Cent/kWh). Beim Strom sind es 32,05 Cent/kWh, wobei nur 7,97 Cent/kWh auf die Beschaffung und den Vertrieb inklusive Marge entfallen. Zum Vergleich: 1998 zum Start der Liberalisierung waren es nur 17 Cent/kWh. /Michaela Tix

Topaktuelle Energienews und ein Archiv mit über 116.000 Nachrichten
aus 20 Jahren Energiewirtschaft finden Sie im energate messenger+.

30 Tage lang kostenlos kennenlernen.