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Wie das Gas von Entry A nach Exit B kommt, ist seit dem Zweivertragsmodell Sache der Netzbetreiber.
Wie das Gas von Entry A nach Exit B kommt, ist seit dem Zweivertragsmodell Sache der Netzbetreiber.

Rückblick: Die Zusammenlegung der Gasmarktgebiete

Essen (energate) - energate feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen als Informationsdienstleister für die Energiebranche. Wir nehmen dieses Jubiläum zum Anlass, um auf die besonderen Ereignisse im Energiemarkt zurückzublicken. Ein langjähriger Begleiter war die Debatte um die Zusammenlegung der Marktgebiete. Ein Prozess, der erst in diesem Jahr seinen Abschluss finden wird.

Ab dem 1. Oktober 2021 wird es in Deutschland nur noch ein Gasmarktgebiet geben. Der bundesweite Trading Hub Europe (THE) markiert den Schlusspunkt eines langwierigen Prozesses, der im Jahr 2006 mit 19 Marktgebieten startete. Die Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes aus dem Jahr 2005 führte im Gasmarkt ein Entry-/Exitmodell für den Gasnetzzugang ein. Ziel dieses Zweivertragsmodells war es, den Gastransport für Shipper zu vereinfachen. Diese mussten bis dato mühsam einen Transportpfad für die Durchleitung ihrer Gasmengen selbst bestimmen und in Einzelverträgen mit den Netzbetreibern absichern. Im Zweivertragsmodell dagegen sollte es nur noch einen Vertrag für die Einspeisung (Entry) und einen für die Ausspeisung (Exit) in ein Marktgebiet geben. Grundprinzip dabei: Entry- und Exitpunkte sind in einem Marktgebiet beliebig kombinierbar, sprich frei zuordenbar. Der Austausch von Gasmengen läuft über einen virtuellen Handelspunkt. Für die Teilnahme am Handel ist zusätzlich ein Bilanzkreisvertrag notwendig.
 

Die freie Kombinierbarkeit von Entry- und Exitpunkten


Wie das Gas von A nach B kommt, ist Sache der Netzbetreiber und keine ganz triviale Aufgabe. Je größer ein Marktgebiet ist, umso mehr Kombinationen von Entry- und Exitpunkten bestehen. Für das THE-Marktgebiet haben die Fernleitungsnetzbetreiber (FNB) im Rahmen des Marco-Projekts fast 950.000 Kombinationen identifiziert. Im Vergleich dazu fallen die Zahlen aus dem Jahr 2009 mit fast 120.000 für Gaspool und rund 175.000 für Netconnect Germany (NCG) fast schon überschaubar aus.

Die Zusammenlegung von Transportnetzen zu einem Marktgebiet bringt vor dem Hintergrund der freien Zuordenbarkeit einige Herausforderungen mit sich. So sind die Netze gar nicht immer physikalisch miteinander verbunden. Transporte lassen sich in so einem Fall nur durch einen virtuellen Abtausch von Gasmengen über Lastflusszusagen realisieren. Und auch dort, wo Verbindungen zwischen den Netzen bestehen, können geringe Kapazitäten an den Kuppelstellen zum Engpass für das gesamte Transportangebot werden. So haben die FNBs im Laufe der Jahre einen ganzen Strauß an Kapazitätsprodukten entwickelt, die maßgeschneidert für bestimmte Nutzungsfälle größtmögliche Sicherheit und Flexibilität garantieren sollen, ohne dass alles über feste, frei zuordenbare Kapazitäten gemacht werden muss. Den Überblick bei diesen bedingten, dynamischen, beschränkten und unterbrechbaren Kapazitäten zu behalten, ist eine Kunst für sich.
 

Start mit 19 Marktgebieten


Wegen der physikalischen Einschränkungen sah die deutsche Gaslandschaft zum Start des Entry-/Exitmodells im Jahr 2006 daher auch noch aus wie die Karte der deutschen Kleinstaaten im 18. Jahrhundert. Und wäre es nach den Netzbetreibern und ihren Verbänden gegangen, wären es zum Start nicht nur 19, sondern 28 Marktgebiete geworden. Dem hatte sich aber die mit dem regulierten Netzzugang neu geschaffene Bundesnetzagentur erfolgreich in den Weg gestellt. Und auch zu den 19 Marktgebieten hieß es aus Bonn gleich zu Beginn: "Das kann keine langfristige Lösung sein." Denn beim Transport über mehrere Marktgebietsgrenzen hinweg wurde aus dem Zweivertragsmodell schnell wieder ein Vier-, Sechs- oder Nochmehr-Vertragsmodell. "Wir stehen den marktgebietsaufspannenden Netzbetreibern ständig auf den Füßen", beschrieb im Frühjahr 2007 Chris Mögelin, seinerzeit Beisitzer der Beschlusskammer 7, die permanenten Bemühungen der Bundesnetzagentur, die Zahl der Marktgebiete in den einstelligen Bereich zu drücken.

Den Auftakt machte Eon Ruhrgas mit einer Ankündigung Ende 2006. Das Unternehmen hatte seine Netze ursprünglich in vier Marktgebiete aufgeteilt. Daraus wurden zum 1. Oktober 2007 zwei, eins für L- und eins für H-Gas. Als nächstes kündigte RWE an, die Zahl seiner Marktgebiete von drei auf zwei zu senken. Wingas legte seine drei H-Gas-Marktgebiete zu einem zusammen. Neuer Zwischenstand damit: 14 Marktgebiete. Für den damaligen Präsidenten der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth, immer noch inakzeptabel.
 

Zehn Jahre NCG und Gaspool


Der nächste Schritt zu nur noch 12 Marktgebieten erfolgte mit dem Start des Gaswirtschaftsjahrs 2008/09. Bayernets und Eon Gastransport schufen unter dem Namen NCG ein gemeinsames Gebiet und auch GVS, Eni und Gaz de France legten ihre Gebiete zum Marktgebiet Süddeutschland zusammen. Die Ankündigung, noch im selben Jahr aus fünf L-Gas-Marktgebieten zwei zu machen, zogen die Netzbetreiber dagegen kurzerhand wieder zurück, sodass erst unter dem Druck eines förmlichen Missbrauchsverfahrens der Bundesnetzagentur EWE, Erdgas Münster und Gasunie im April 2009 ein gemeinsames L-Gas-Marktgebiet schufen und dabei die Marktgebietsgesellschaft Aequamus aus der Taufe hoben. RWE - mittlerweile Thyssengas - und Eon blieben mit ihren L-Gas-Gebieten weiter außen vor.

Dafür konnten die Netzbetreiber beim H-Gas zum Oktober 2009 einen wichtigen Durchbruch erreichen. Es entstanden die Marktgebiete Gaspool - mit VNG, Wingas, Gasunie, Statoil und Dong - und das erweiterte NCG-Marktgebiet, dem sich auch Eni, GRT Gaz und GVS anschlossen. Nur RWE/Thyssengas blieb auch hier außen vor, weil das Unternehmen damals zum Verkauf stand.

Anfang 2010 erhöhte das Bundeswirtschaftsministerium den Druck. In der neuen Gasnetzzugangsverordnung wurde der 1. Oktober 2013 als Stichtag festgelegt, an dem es in Deutschland nur noch zwei Marktgebiete geben durfte. Damit leitete die Regierung einen Prozess ein, der erstmals zu qualitätsübergreifenden Marktgebieten führte. Die Idee war ursprünglich gewesen, je ein Marktgebiet für L-Gas und für H-Gas zu schaffen. Stattdessen schlossen sich die L-Gas-Netze von Thyssengas und von Eon im April 2011 dem H-Gas-Gebiet NCG an, Aequamus (L-Gas) fusionierte zum 1. Oktober 2011 mit Gaspool (H-Gas). Noch weit vor der gesetzten Frist erreichten die Netzbetreiber damit den Zustand von zwei Marktgebieten, der schließlich zehn Jahre Bestand haben sollte. Die Zusammenlegung der beiden Marktgebiete war zwar immer wieder Thema, wurde aber aufgrund der Kapazitätssituation und zu hoher Kosten verworfen.
 

Der finale Schritt mit neuem Kapazitätsmodell


Erst im Jahr 2016 nahm die Debatte an Fahrt auf. Ausgangspunkt war ein Gutachten, das die Wiener Beratung Wecom im Auftrag der Bundesnetzagentur erstellt hatte. Dieses hatte auch grenzüberschreitende Kooperationen in den Blick genommen, die dann auch in den anschließenden Konsultationen und Debatten als besonders Vorteilhaft für die Liquidität im Gasmarkt hervorgehoben wurden. Überraschenderweise legte die Bundesregierung im Jahr 2017 mit einer neuen Gasnetzzugangsverordnung dann aber fest, dass Gaspool und NCG spätestens zum 1. April 2022 zu einem gesamtdeutschen Marktgebiet fusionieren müssen.

Ein Jahr brauchten die Fernleitungsnetzbetreiber, um ein Modell für die Marktgebietszusammenlegung durchzurechnen. Ende 2018 lag das Konzept vor und wurde im Frühjahr 2019 im Rahmen der E-world der Öffentlichkeit vorgestellt. Bei diesem ersten Marktdialog stand wiederum die Kapazitätsfrage ganz im Vordergrund. Bei den Entry-Kapazitäten sei aufgrund der geringen Austauschleistung zwischen NCG und Gaspool mit einer Reduzierung um 78 Prozent zu rechnen, so die Ankündigung der FNBs. Zur Abhilfe schlugen sie vor, mit marktbasierten Instrumenten dieser Einschränkung entgegenzuwirken, da über einen Netzausbau in der kurzen Zeit kein adäquater Ausgleich geschaffen werden könne.

Nach intensiven Debatten über das Kapazitätsmodell "NewCap" ist heute klar, dass es nicht zu Einschränkungen kommen wird. Auf den ersten Marktdialog folgten sechs weitere, der letzte im Februar 2021. Auf diesen Foren verlagerte sich die Diskussion in diesen zwei Jahren weg von der Kapazitätsfrage hin zu den technischen und finanziellen Details. Was das Monetäre anbelangt, so müssen sich die Transportkunden allerdings noch bis August gedulden. Wie hoch die Umlagen und Entgelte im neuen Marktgebiet ausfallen, werden die Netzbetreiber erst im August nach dem üblichen Turnus bekannt geben. /tc

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